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Olympischer «Frieden» versus Meinungsfreiheit

🇨🇭 Roland Zolliker

Am 19. November 2025 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinigten Nationen die Resolution zum «Olympischen Frieden» während den Olympischen und Paralympischen Winterspielen Milano Cortina 2026. IOC-Präsidentin Kirsty Coventry führte aus:

„Überall auf der Welt verursachen Konflikte und Spaltungen weiterhin unermessliches Leid. In einer solchen Welt kann der Sport – und insbesondere die Olympischen Spiele – einen seltenen Raum bieten, in dem Menschen einander nicht als Gegner begegnen, sondern als Menschen. Wenn Athletinnen und Athleten zusammenkommen, sehen sie keine Nationalität, Religion oder Kultur. Sie sehen sich als Athleten (mehr Fiktion geht nicht). Sie zeigen uns, wie die Menschheit in ihrer besten Form sein kann. Das ist der Geist des Olympischen Friedens: eine Einladung, das, was uns trennt, beiseitezulegen und sich auf das zu konzentrieren, was uns verbindet.“

Der „Olympische Friede“ bedeutet, dass während der Olympischen Spiele keine Kriegshandlungen stattfinden sollen. Seine Ursprünge gehen – wie die Spiele selbst – auf die griechische Antike zurück. Der Sage nach einigten sich die griechischen Stämme im Jahr 884 vor Christus darauf, dass rund um das sportlich-rituelle Ereignis in dem Heiligtum Olympia die Waffen zwischen ihnen schweigen.

Mit dem Wiederaufleben der Olympischen Spiele und Gründung des Internationalen Olympischen Komitees 1894 gewann auch der Friedensgedanke neue Bedeutung. Die olympische Idee sollte nun weltweit zur Verständigung und Konfliktlösung beitragen. Der Erfolg hielt sich in Grenzen, das zeigten Ereignisse wie das palästinensische Attentat auf israelische Sportler 1972 in München oder der breite Boykott der Moskauer Spiele 1980 wegen der sowjetischen Invasion in Afghanistan. Zudem wurde Deutschland nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg mehrfach von der Teilnahme ausgeschlossen.

Der geforderte «Olympische Friede» wird von kriegsführenden Staaten immer ignoriert. Das zeigt insbesondere der Krieg Russlands gegen die Ukraine.

An den aktuellen Olympischen Spielen trat der ukrainische Skeleton-Athlet Wladyslaw Heraskewytsch mit einem Helm an, welches mit Bildern von Athletinnen und Athleten versehen war, welche im Krieg getötet wurden. Bis heute, darunter auch Karatekas, rund 600 Menschen, die nie mehr an Wettkämpfen teilnehmen können. Dazu kommt, dass viele Sportanlagen in der Ukraine zerstört sind.

Kurz nach seinem ersten Durchgang im Skeleton-Wettkampf wurde der Ukrainer von Weltverband IBSF (International Bobsleigh & Skeleton Federation) disqualifiziert. Das IOC entzog ihm zunächst die Akkreditierung, nahm die Entscheidung jedoch wieder zurück. Somit kann sich Heraskewytsch weiterhin im olympischen Dorf aufhalten.

Der eingereichte Rekurs beim Internationalen Sportgerichtshof CAS blieb wirkungsvoll. Der CAS bestätigte die Disqualifikation. Dabei wurde auf die IOC-Richtlinien hingewiesen. Das IOC untersagt politische Botschaften während der Wettkämpfe. In der Begründung des CAS hieß es, das Gericht sei der Ansicht, dass die IOC-Richtlinien „ein angemessenes Gleichgewicht herstellen zwischen dem Interesse der Athleten, ihre Meinung zu äußern, und ihrem Interesse, ungeteilte Aufmerksamkeit für ihre sportlichen Leistungen an der Wettkampfstätte zu erhalten“. An diese Regeln sei auch der CAS gebunden. Insgesamt acht Stunden dauerte die Anhörung.

IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hält das Regelwerk der Olympia-Organisation weiter für richtig. „Die Regeln sind die Regeln, und ich glaube an diese Regeln“ Sie hatte in einem langen Gespräch versucht, Heraskewytsch noch vom Tragen des Kopfschutzes während seiner Rennen abzuhalten. „Es war ein sehr gutes Gespräch, ein sehr respektvolles Gespräch“, sagte die 42-Jährige. Niemand, wirklich niemand, besonders ich nicht, widerspricht der Botschaft“.  Heraskewytsch habe die Position des IOC verstanden, sei aber seiner Sache sehr verpflichtet. „Leider ändert das nicht die Regeln“, sagte Coventry.

Das IOC sei „sehr daran interessiert“ gewesen, dass Heraskewytsch an den Wettkämpfen teilnimmt. Aus diesem Grund habe sich das IOC mit ihm zusammengesetzt, um nach einer „möglichst respektvollen Möglichkeit zu suchen, seinem Wunsch nachzukommen, seiner im Zuge der russischen Invasion in der Ukraine ums Leben gekommenen Sportlerkollegen zu gedenken“. Der Kern seines Falls sei „nicht die Botschaft selbst, sondern der Ort, an dem er sie zum Ausdruck bringen wollte“. Das IOC hatte ihm als Kompromiss angeboten, mit einer schwarzen Armbinde als Zeichen der Trauer zu starten.

Allen Athletinnen und Athleten wird in Artikel 40.2 der Olympischen Charta das Recht auf freie Meinungsäußerung zugesichert – jedoch nur im Rahmen der IOC-Wettkampfregeln. Es gelten damit Einschränkungen während der Wettbewerbe und bei Siegerehrungen. Und in Artikel 50.2 heißt es: „In allen olympischen Anlagen, Veranstaltungsorten und anderen Bereichen sind Demonstrationen jeglicher Art sowie politische, religiöse oder rassistische Propaganda verboten.“ Foto: Ukrainische Rodel-Mixed-Staffel.

Der Entscheid des IOC, des CAS entspricht den aktuell gültigen Regeln. Diese müssen durchgesetzt werden. Auch dem ukrainischen Team war von Anfang weg klar, wie die Entscheidung ausfallen würde.

Heraskewytsch wird in die Sportgeschichte eingehen als eine Persönlichkeit, welche die richtige Botschaft zum richtigen Zeitpunkt, jedoch am «falschen» Ort hatte.

Mit seiner Aktion gedachte er den Toten, erinnerte an sie – und die ganze Welt war dabei.

Zum Schluss: Das Sport nichts mit Politik zu tun hat, ist so wahr, wie die Erde nicht zum Sonnensystem gehört. Seit jeher instrumentalisieren Staaten den Sport, benützen diese Bühne für politische Interessen. Wenn dem nicht so wäre, würden keine «Staatenlenker» Olympische Spiele und insbesondere Fussballspiele besuchen, sondern sich einer politischen Enthaltsamkeit frönen. Einen ersten Höhepunkt politischer Instrumentalisierung stellten die Olympischen Spiele 1936 dar.

Sportführer, einige von ihnen werden von der Staatsführung direkt eingesetzt, sind immer gleichzeitig «Spielball» als auch «Mitspieler».

Das beste Beispiel dafür spielte sich im Fussball ab. FIFA-Präsident Gianni Infantino zeichnete den amerikanischen Präsidenten Donald J. Trump mit einem «Friedenspreis» aus. Obwohl die FIFA sich, laut ihren Statuten, zu politischer Neutralität verpflichtet! Anmerkung: Die Auszeichnung wurde von Infantino selbst im November 2025 ins Leben gerufen.

Die Forderung einiger «Idealisten» die im Juni stattfindenden WM-Austragungen in den USA (Austragungsländer sind auch Kanada und Mexiko) zu boykottieren ist realitätsfremd. Dazu Adrian Arnold, Mediensprecher des Schweizerischen Fussballverbandes: «Wir sind der Meinung, dass ein Boykott die Falschen treffen würde, nämlich die Spieler, die sich rein sportlich, unabhängig von allem, was politisch auf der Welt passiert, für die WM qualifiziert haben. Und wir sind auch der Meinung, dass ein Boykott einer Schweizer Nati oder einem Fussballteam keinen Einfluss auf die Weltpolitik hat.»

Die Sportart Fussball gibt seit mehr als 100 Jahren, die FIFA seit 1904. Sie hat alle früheren Despoten überlebt und wird auch die heutigen Autokraten in Politik und Sport überleben.